Blutschwestern

 Monika dreht ihr Gesicht zur Sonne und schließt die Augen. Sie spürt, wie die warmen Strahlen ihre Haut aufheizen und sich langsam Schweißtropfen auf ihrer Stirn und der Oberlippe bilden. Gänsehaut und ein wohliger Schauer laufen ihr den Rücken hinunter. Am liebsten würde sie ihr Innerstes nach außen kehren und die Sonne mit jeder Faser ihres Körpers aufnehmen. Doch dann seufzt sie und zieht sich in den Schatten des knorrigen Baumes zurück, die einzige Schattenquelle auf diesem weiten Feld. Sie verträgt wenig direkte Sonnenstrahlen; viel zu schnell rötet sich ihre Haut und ein Sonnenbrand ist unausweichlich. Obwohl es jetzt  auch nicht mehr wichtig ist, Sonnenbrand oder nicht. Sie hat so oft schon mit ihren roten Haaren und der empfindlichen Haut gehadert, heute will sie davon nichts wissen. Aber Jana zuliebe setzt sie sich in den Schatten, denn die Labradorhündin ist seit Ausbruch ihrer Krankheit noch empfindlicher geworden und würde ohne sie nicht im Schatten bleiben. Der Hund setzt sich neben Monika und sie blickt wieder über das weite Feld, das ganz aus hüfthohen, violetten Blüten besteht, Lavendel, soweit das Auge reicht. Eine Wohltat für die Seele und der beste Grund, um heute, an ihrem letzten Tag, hier zu sein. Tief atmet sie ein und hält den typischen Duft der Pflanze, den Duft, der in diesem Landstrich jede Ecke bedeckt, tief in sich fest. Ganz am Ende der schurgeraden Linien aus Pflanzen kann sie gerade noch die Dächer der Abtei erkennen. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass sie von dort aufgebrochen ist. Und doch war es erst vor wenigen Stunden. In der schon heißen Morgensonne war sie über das Feld gelaufen, bis zu diesem Baum inmitten vom Nirgendwo. Zweimal musste sie anhalten, weil Jana eine Pause brauchte.

Sie holt aus ihrer großen Umhängetasche einen Napf und eine Flasche Wasser. Sie füllt den Napf für Jana und trinkt selber den Rest  der Flasche, während sie der Hündin zuschaut, die das mittlerweile lauwarme Wasser dankbar trinkt. Dann breitet sie das Tuch auf dem Boden aus und richtet ihr Mittagsmahl. Käse, Wein und ein Stück trockenes Brot. Mehr braucht sie nicht, nicht heute. Es reicht ihr der Genuss dieses kargen Mahles.

Der Nachmittag schreitet voran und sie beobachtet, wie die gelbe, gleißende Sonne ihre Bahn über den Himmel zieht. Zwischen den Pflanzenreihen weht ein leiser Wind, aber er bringt keine Abkühlung. Jana steht einmal auf und wandert ein paar Schritte, sie erleichtert sich und kommt dann in den Schatten zurück. Irgendwann schläft Monika ein und als sie erwacht, steht die Sonne  nur noch auf halber Höhe aber es ist immer noch heiß. Hochsommer und beinahe Erntezeit für die kostbaren Pflanzen. Schade, sie wäre gerne noch einmal bei der Ernte dabei gewesen. Aber diesmal sollte es nicht sein, dieses Mal nicht.

Monika legt den Arm um die Hündin und lässt den Blick wieder und wieder über die violette Ebene schweifen. Jana lässt sich schwer an ihren Körper sinken und hechelt. Dann dreht sie den Kopf und schaut Monika vertrauensvoll in die Augen. Monika vergräbt ihr Gesicht in dem weichen Fell und drückt das Tier ein wenig fester an sich. Jana hebt den Kopf und schmiegt ihre Schnauze in Monikas Hand. Dann lässt sie sich sinken und dreht sich auf den Rücken, bietet Monika die Brust zum Kraulen an. Auch ihr nackter Bauch wird sichtbar und deutlich hebt sich die Beule darauf ab. Monika streicht darüber und spürt die Hitze, die davon ausgeht. Heiß und tödlich. Jana scheint aber momentan keine Beschwerden zu haben. Sie legt den Kopf rücklings flach auf den Boden, dabei fallen ihre Lefzen ein wenig zurück, so dass es aussieht, als würde sie lächeln. Monika lächelt auch und empfindet tiefen Frieden.

Schwestern im Geiste, so empfindet sie. Und sie weiß, dass sie im nächsten Leben wieder mit ihrer Schwester vereint sein wird. Sie muss nur das Ritual einhalten, so wie es vorgeschrieben ist. In diesem Leben wartet niemand auf sie, hier hat sie nur einen Körper, der ihr bald nicht mehr gehorchen wird und eine Schwester, deren irdischer Leib von dem innewohnenden Dämon zerfressen wird. Zwei Seelen, verbunden und doch in Leibern, dessen irdische Existenz vergehen wird. Das Ritual, sie muss das Ritual einhalten, damit sie und ihre Schwester sich im nächsten Leben wieder finden. Sie schaut zur Sonne und schätzt die Uhrzeit. Bald ist es so weit, sie sollte beginnen.

Sie öffnet ihre Umhängetasche und holt die kleine Dose hervor. Die Leberwurst hat sie schon heute früh präpariert, Leberwurst ist Janas Lieblingssnack. Der Hund schnüffelt aufgeregt und hebt den Kopf, hat die Wurst schon gerochen. Monika öffnet die Dose und füttert den Inhalt an die Hündin. Jana schlingt die gerollten Portionen herunter, ohne zu kauen, ohne zu schmecken. Als sie sieht, dass die Dose leer ist, legt sie sich wieder lang an Monikas Füße und streckt die Hinterbeine aus, um ihren erhitzten Bauch fest an die kühle Erde zu pressen.

Monika entspannt sich. Es wird nicht lange dauern, sie weiß es. Sie hat das ganze Röhrchen des tödlichen Inhalts in die Wurst gerollt. Kleingedrückt und in dem Lieblingssnack versteckt. Um ganz sicher zu gehen. Sie soll nichts spüren, keine Schmerzen mehr erleiden.

Mitten in diesem überirdisch schönen Lavendelfeld sitzt sie mit ihrem treuen Labrador und genießt den Tag, der sich langsam dem Ende zuneigt. Ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen, als sie die Synonymität zu ihrem Leben erkennt. Und doch, nirgends ist sie heute lieber als genau hier, an diesem Ort der Düfte und Farben.

Jana ist eingeschlafen. Ihr Kopf ruht auf den Pfoten und die Augen sind geschlossen. Ihr Atem geht flach. Nach einer Weile rutscht sie zur Seite und die Atemzüge kommen in immer größeren Abständen. Monika legt sich zu ihr auf die kühle Erde und umfängt den vertrauten Körper mit ihren Armen. Janas Kopf hält sie in ihrerArmbeuge und mit einer Hand streicht sie dem Tier über die Stirn, die sich trotz der nachmittäglichen Hitze kühl anfühlt. Sie hält den sterbenden Hund im Arm und erzählt ihr von all den schönen Erlebnisssen, die sie miteinander verbindet. Sie redet und redet, lauscht dabei auf die immer flacheren Atemzüge und merkt, wie der Körper schlaffer wird.

Zehn Jahre ihrer Leben haben sie miteinander verbracht. Zehn Jahre, in denen sie nie mehr als einige Stunden getrennt waren. Ihre Mutter hatte Monika den Hund geschenkt, einige Wochen nachdem ihre menschliche Schwester gestorben war. Gestorben an dem selben Dämon, der auch sie nun fest in den Fängen hält. Jana sollte Monika über den Verlust hinweg trösten, aber sie hatte sehr bald erkannt, dass die Hündin mehr war als ein Tier. Sie hatte erkannt, dass dies ihre wahre Schwester war, ihre Schwester im Geiste und bald auch im Blut, ihre Blutschwester. Bald wären sie für immer vereint und würden im nächsten Dasein wieder zusammen sein. Monika fand die Aussicht spannend, vielleicht wäre dann Jana der menschliche Part und sie der vierbeinige Begleiter?

Sie legt eine Hand auf die Flanke, die sich jetzt kaum mehr hebt und senkt. Ja, sie muss sich schon sehr anstrengen, um überhaupt noch eine Bewegung wahrzunehmen. Tiefliegende Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch das hohe, violette Blütenmeer und tauchen Monikas unmittelbare Umgebung in ein unterirdisches Licht. Janas Flanke ist seit mehr als zehn Minuten still geblieben. Monika greift ein letztes Mal in ihre Tasche und holt das kleine Skalpell hervor, das sie, in mehrere Lagen Stoff gewickelt, seit ihrer Abreise dort aufbewahrt hat. Sie setzt sich auf und bettet den Kopf der Hündin auf ihren Schoß. Dann setzt sie das Messer am Hals der Hündin an und öffnet mit einem entschiedenen Schnitt die Halsschlagader. In einem Schwall quillt das Blut hervor und tränkt augenblicklich Monikas Hose und versickert in der trockenen Erde des Lavendelfeldes. Dann setzt sie zu einem präzisen Schnitt an ihrem eigenen Handgelenk an, versenkt die Spitze tief zwischen den Sehnen, bis das Blut hervorspritzt. Sie nimmt das Skalpell in die andere Hand und schneidet auch am zweiten Handgelenk tief ins Fleisch. Erstaunlicherweise schmerzt es weniger, als sie dachte. Dann legt sie beide blutenden Hände an Janas Hals und sieht zu, wie sich ihr Blut mit dem der Hündin vermischt und dann versickert. Blutschwestern. Sie schaut zum Horizont um den Zeitpunkt nicht zu verpassen und presst die blutenden Handgelenke dichter an Janas Halsschlagader. Das Blut des Tieres fließt gemächlich, im Gegensatz zu ihrem wird es kaum noch gepumpt. Langsam breitet sich Kälte in ihr aus und eine angenehme Schwäche überkommt sie. Sie legt ihren Kopf  an den Baumstamm hinter sich und beobachtet, wie die allerletzten Sonnenstrahlen das violette Blütenmeer in einem ultimativen Aufschrei aus Farbe in Brand setzen. Dann schließt sie die Augen. Es ist vollbracht. Der rechte Zeitpunkt zum Sterben ist gekommen.